impro live agiles soft-skills-training

Bist Du fit die interaktive und digitale Trainerwelt?

| Beitrag von Ella Gabriele Amann

Corona hat die Trainerwelt noch einmal auf den Kopf gestellt. Und spätestens mit der Welt der Online-Trainings ist klar geworden, dass Lernen heute anders funktioniert: interaktiver, hybrider und selbstorganisierter. In diesem Beitrag möchte ich auf 10 Aspekte eingehen, die einen agilen Soft-Skills-Trainer von einem konventionell arbeitenden Trainer unterscheiden.

10 Skills, die agile (Online-)Trainer Auszeichnen

1. Agile Trainer sind LernexpertInnen

Agile Trainer wissen was agiles, gehirn- und körpergerechtes Lernen ausmacht und wie sie im Training besser auf die verschiedenen psychologischen Bedürfnisse, Lern- und Kommunikationsstile eingehen können. So setzen sich Trainer in unseren Ausbildungen, anhand ihres SIZE Prozess® Berater Profils, mit ihren bevorzugten Lernstilen auseinander und erfahren zudem wie sie im Training-Kontext für sich und ihre Teilnehmer eine optimale Energie-Balance herstellen können.

Gelernt wird nicht nach einem bestimmten Lern-Stil, sondern durch die Bereitstellung von verschiedenen Lernangeboten. So werden möglichst alle psychologischen Bedürfnisse der Teilnehmer berücksichtigt und angesprochen. Das bedeutet vor allem eine teilweise Abkehr von den bislang immer noch vorherrschenden Powerpoint-Folien. Lerninhalte werden anhand praktischer Übungen und Simulationen vermittelt, gemeinsam ausgewertet und auf die Lernergebnisse direkt auf den Projekt- oder den Arbeitsalltag transferiert.

2. Prozessorientierung statt vorgegebene Lerninhalte

Agilität im Training bedeutet, sich inhaltlich und zeitlich von fixen, im Detail geplanten Seminarabläufen zu verabschieden. Dies bedeutet nicht nur für Trainer eine mehr oder weniger große Umstellung, auch für Kunden und Seminarteilnehmer kann diese Herangehensweise zunächst sehr ungewöhnlich sein. Maßgeblich für die inhaltliche Gestaltung der Seminare sind die aktuellen Projekte und Anliegen der Teilnehmer. Dadurch werden Seminare zu Laboren, in denen Echtzeitlernen stärker im Vordergrund steht, als das Lernen von Soft-Skills für potentiell zukünftige Situationen.

Natürlich spielen auch in agilen Seminaren verbindliche Vorgaben, übergeordnete Ziele, Seminarinhalte und -Strukturen eine Rolle. Diese werden jedoch wesentlich flexibler gehandhabt und – wie im agilen Berufsleben auch – immer wieder am Bedarf neu ausgerichtet, adaptiert und mit den Teilnehmern in Echtzeit ausgehandelt. Der Aushandlungsprozess bleibt zu jeder Zeit und für alle Teilnehmer transparent. Teilnehmer werden am Lernprozess aktiv beteiligt und übernehmen dadurch mehr Verantwortung für ihren persönlichen Entwicklungsprozess.

3. Commitment und iteratives Lernen

Kommunikation und Abstimmungen erfolgen in einem agilen Seminar-Setting auf der Basis klarer Regeln und Prinzipien über die sich TrainerIn und TeilnehmerInnen einigen. Die Trainer lernen in der Ausbildung ein umfangreiches Set an agilen Leitlinien für die Verbesserung von Zusammenarbeit und Selbstorganisation kennen. Die Wirkungsweisen dieser agilen Regeln und Prinzipien können ebenfalls anhand von agilen Tools und Formaten erlebbar, transparent gemacht und eingeübt werden. Damit wird das Kommitment der Seminar- oder Projektbeteiligten also nicht über abstrakte Vorgaben, sondern über eine gemeinsame, Erfahrung, über Sinnstiftung und Einsicht erzielt.

Aus der Mode kommen im Rahmen agiler Lernsettings ebenfalls die fixen Lernpläne und Seminarabläufe. Der Seminar-Ablauf wird stärker durch die Teilnehmer mitbestimmt. Es gehen nicht nur Prozess vor Inhalt – auch Störungen haben Vorrang. Sie werden als hilfreiche Impulse aufgegriffen und als Lernangebot begriffen. Der desinteressierte, störende, blockierende oder sich verweigernde Seminar-Teilnehmer gehört damit endgültig der Vergangenheit an. Die Frage ist immer: Was braucht es jetzt gerade, damit aus der Störung eine unmittelbare Lernerfahrung werden kann?

4. Interaktive Tools & Blended Learning

Weitere zentrale Merkmal neuer agiler Trainingsformen für Präsenz- und auch Online-Formaten liegen in dem Einsatz agiler Tools und Techniken. Das großes Lernthema für Trainer und Berater liegt daher in der Gestaltung interaktiver Lernsettings. Trainer und Team lernen sich kennen, legen die Lern- und Entwicklungsziele fest und starten mit einer entsprechenden Trainingseinheit. Der fachliche Input des Trainers wird meistens in die interaktiven Trainings- und Übungseinheiten fließend eingewoben.

Persönliche Erfahrung, Theorie und wichtige Hintergrundinformationen zum Lernprozess, werden so direkt auch mit dem gemeinschaftlichen Lern-Erlebnis verbunden. Anschließend erfolgen gemeinsame Auswertung der Übung und der Praxistransfer. Die Ergebnisse der Trainingseinheiten werden in Feedbackrunden immer wieder mit den Entwicklungszielen des Trainings abgeglichen. Zwischen den Lern- und Übungseinheiten gibt es ausreichend Zeit für offene Gespräche, Diskussionen und einen fachlichen Austausch. Zudem müssen Online- und Präsenz-Konzepte gut aufeinander abgestimmt werden.

5. Echtzeitlernen und Routinen unterbrechen

Erst der Einsatz agiler Tools und Techniken macht es für Teilnehmer möglich agile Prinzipien und Werte zu erleben, zu verstehen und dann auf die Praxis zu übertragen. Über Agilität und agile Soft-Skills zu sprechen, einen Vortrag zu hören oder ein Buch zu lesen ist das eine – aber nur durch agiles Interagieren und Handeln, wird das Thema wirklich lebendig und begreifbar. Agile Trainerinne und Trainer schaffen daher ein besonders und vor allem sicheres Lernumfeld, indem Teilnehmer agile Soft-Skills erkunden und mit verschiedenen Verhaltensalternativen experimentieren dürfen.

Agile Trainer schaffen für die Teilnehmer neue Erfahrungsräume, in denen Gewohnheiten, Routinen und Erwartungshaltungen unterbrochen werden. Um neues zu lernen, müssen wir unsere Wahrnehmung schulen, vertraute Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster unterbrechen. Agile Trainer sorgen daher immer wieder für ein ungewohntes Vorgehen, für Perspektivenwechsel, Überraschungen und sie geben Raum für Spontanität.

6. Lernen lernen und neue Routinen aufbauen

Agile Soft-Skills im Labor-Setting zu erproben reicht alleine noch nicht aus. Hat der Mitarbeiter z.B. seine Fähigkeiten zum komplexen Denken in einem Seminar, durch das erlernen agiler Denk-Techniken, gesteigert ist noch lange nicht gesagt, dass diese erweiterte Fähigkeit später am Arbeitsplatz für andere sichtbar und erlebbar wird. Wir sprechen daher erst dann von einer agilen Kompetenz, wenn ein Mitarbeiter, in Anbetracht einer konkreten Aufgabenstellung, eines Problemlösungsprozesses oder der Art und Weise, wie er seine Ziele durchsetzt, auch ein angemessenes agiles Verhalten zeigt.

Das Erproben neuen Verhaltens und der Aufbau neuer Routinen benötigen Zeit und Erfahrung. Das agile Lernsetting geht daher nach dem Seminar weiter. Die Bereitstellung von Online-Tutorials, Webinaren, der Austausch in sozialen Medien oder über Lernplattformen entwickelt sich zu einem weiteren, festen Bestandteil in der neuen Trainer- und Weiterbildungswelt 4.0. Eine immer größere Rolle spielen in der agilen Weiterbildungswelt daher die Bereitstellung von projekt-begleitenden Einzel- oder Team-Coaching-Einheiten, die Etablierung von kollegialem Coaching und das Erlernen von Selbst-Coaching-Techniken.

7. Die Rollenvielfalt des Facilitator (Trainer, Berater, Mentors, Coach …)

Das agile Weiterbildungsangebot ermöglicht die Begleitung und Moderation selbstständiger Lernprozesse der Teilnehmer. Der agile Trainer wird mehr und mehr zum Facilitator, der Lernsettings designt und Teilnehmende kontinuierlich zur Standortbestimmung, Reflektion und zur selbstständigen Entwicklung von Lösungen anregt. Je nach Auftrag und Ausbildungsstand des Trainers, kann dieser zwischen den Rollen und Funktionen eines Prozess-Moderators, Mentors, Mediators, Coach, Beraters oder eines Teamentwicklers wechseln. Er benötigt daher einen hohen persönlichen Reifegrad, eine gute Abgrenzungsfähigkeit und Rollenklarheit.

An diesem Punkt wird klar, dass es nicht „die eine Ausbildung zum agilen Trainer“ geben kann. Der agile Trainer wird Methodisch eher breit aufgestellt sein und viele Ausbildungen bzw. Zusatzausbildungen aufweisen. Lesen Sie hierzu auch unseren Beitrag „Agile Methoden für die Trainerwelt 4.0“. Persönlichkeit, psychische Stabilität, emotionale und soziale Kompetenzen spielen eine wesentlich größere Rolle als in traditionellen Trainings-Settings. Der persönliche Reifegrad, seine Talente, Begabungen und sein Ausbildungsstand werden maßgeblich dafür sein, zu welchen agilen Soft-Skills-Themen er arbeiten und in welchem Bereich er sich spezialisieren wird.

8. Beziehungsorientierung und interagieren auf Augenhöhe

Zentrales Merkmal des agilen Trainings und der Arbeit mit agilen Methoden ist, dass diese immer auf kollegialer Ebene und auf Augenhöhe stattfinden. So werden die meisten agilen Tools und interaktiven Formate mit denen wir z.B. in der Angewandten Improvisation oder beim Resilienz-Zirkel-Training® arbeiten vom Trainer aus der Gruppe heraus angeleitet. Dieses erfordert ein intuitives arbeiten und einen hohen Grad an Beziehungsorientierung und Empathie.

Der agile Trainer und die agile Trainerin sind in der Regel Teil des Erfahrungsfeldes der Teilnehmer. Sie nutzen Feedbackschleifen, die Resonanz und das interne Wissen um die anstehenden Lernprozesse der Teilnehmer in Echtzeit bedarfsgerecht gestalten zu können. Auch dies stellt einen erheblichen Paradigmenwechsel in der Haltung des Trainers dar. Er ist nicht mehr allwissend, dozierend und alleiniger Experte in seinem Thema. Vielmehr macht er seine Teilnehmer zu den wahren Experten, die als einzige so nah an ihrem Thema dran sind, dass nur sie wirklich wissen können, wie eine passende Strategie zur Problemlösung aussehen können.

9. Das Ungewisse managen, heißt: Einfach arbeiten mit dem was da ist

Der agile impro live! Trainer kann zudem aus dem Stand heraus, zu jeder Zeit, an jedem Ort und unter jeder Bedingung beginnen. Grundsätzlich ist das Training unabhängig vom Einsatz gewohnter Trainings-Materialien, wie z.B. Flipcharts, Moderationskarten, Beamer etc. möglich. Trainiert wird im Notfall auf der grünen Wiese. impro live! TrainerInnen sind daher extrem spontan, flexibel und gut auf den Umgang mit verschiedenen Arbeitsbedingungen vorbereitet. Das macht Trainer und Teilnehmer agil, flexibel und immer handlungsfähig.

Realität geht vor Anspruchsdenken und Erwartungshaltungen. Ist etwas ist nicht wie geplant? Der Beamer wurde nicht bereitgestellt? Im agilen Training benötigen wir für die Arbeit nur die Teilnehmer selbst. Alles andere ist nice to have. Wir warten also nicht ab, sondern improvisieren und starten mit dem was da ist, dazu nutzen wir einen anderen Weg und andere Mittel als vorgesehen. Und erst dann denken wir an die schrittweise Optimierung der Arbeitssituation – diese ist Teil des Lern- und Adaptionsprozesses.

10. Individualität und Persönlichkeit

Die agilen Weiterbildungsangebote der Zukunft leben also vor allem von der Persönlichkeitsentwicklung des Trainers und der Art und Weise, wie er gelernt hat agile Prinzipien und Tools zunächst für sich selbst und dann Schritt für Schritt auch auf seinen Arbeitsbereich zu übertragen und für seine Teilnehmer und Zielgruppen zu übersetzen. Den Einsatz agiler Methoden und den Aufbau agiler Trainingssettings zum Erlernen agiler Soft-Skills lernen Trainerinnen und Trainer leider nicht über Nacht.

Jede Weiterbildung die das Verständnis agiler Methoden und die Anwendung agiler Tools im Rahmen eines Wochenend-Trainings versprechen verweilen zwangsläufig in einem theoretischen Konstrukt. Warum ist das so? Weil es eine historische, kulturelle und am Ende auch didaktische Frage ist, inwieweit ein Trainer, Berater oder Coach bereits in der Vergangenheit mit dem Einsatz agiler Methoden, Prinzipien und Werten in Kontakt gekommen ist. Weder Schule, Hochschule oder Ausbildung bereiten Mitarbeiter und Trainer derzeit ausreichend auf die Anforderungen der neuen, agilen Arbeitswelt vor. Auch wenn sich dieser Situation in den letzten 10 Jahren verbessert hat, bleibt die Vermittlung von agilen Ansätzen häufig in der Theorie stecken. Hier muss sich jeder Lernende seine eigenen Transfer- und Lernfelder schaffen.

Zeit und Erfahrung sind die besten Lehrer

Auch wenn der Markt gerade ruft. Lass Dir Zeit für Deinen persönlichen Transformationsprozess als agile TrainerIn. Ist der Funke bei Dir einmal übergesprungen, dann möchtest Du sowieso nicht zurück in die alte Trainerwelt. Doch es ist kontraproduktiv, wenn Du zu schnell voranschreiten willst.

Aus den 15 Jahren, in denen wir agile Soft-Skills-TrainerInnen ausbilden, haben haben wir eins gelernt: Besonders traditionell ausgebildete Trainerinnen und Trainer benötigen im Durchschnitt zwei oder auch mehr Jahre, bis sie ihren konventionellen Trainingsstil ablegen und sich in der Anwendung agiler Methoden und in der Gestaltung agiler Trainingssetting wirklich wohl und sicher fühlen.

Anderen, jüngeren Kollegen, die schon mit agilen Methoden wie Scrum oder Design Thinking aufgewachsen sind, gelingt dies vielleicht schneller. Dafür bringst Du als erfahrene TrainerIn andere wichtige Erfahrung mit. Du kennst das Spannungsfeld zwischen alter und neuer Arbeitswelt aus eigener Erfahrung und kannst die so wichtigen Brücken zwischen den Welten aufbauen. Meine  Empfehlung: Arbeite in gemischten Trainer-Teams. Tauscht Eure Expertisen aus. Ergänzt Euch. Lernt von und miteinander. 

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Zusammenfassung

TrainerInnen, die mit agilen Methoden und Ansätzen arbeiten möchten, bringen in erster Linie die Bereitschaft mit, kontinuierlich an sich selbst zu arbeiten. Hierzu gehören fortwährende Supervisionen, Selbstreflektion und die Anwendung agiler Werte und Prinzipien auf sich selbst. Neben dem agilen Mindset sind vor allem eine höhere körperliche Präsenz, allgemeine Flexibilität und Beweglichkeit gefragt.

Denn im Unterschied zu konventionellen Trainingsansätzen lebt agiles Training nicht allein von geplanten Trainingsabläufen und vorbereiteten Trainingsinhalten. Agiles Training lebt vom Echtzeitlernen. Auch wenn wir Themen und Inhalte eines Trainings im Vorfeld beschreiben können – wie wir als TrainerInnen auf den konkreten Bedarf des Einzelnen oder der Gruppe reagieren müssen – das können wir nur für den Moment entscheiden.

Zudem brauchen agile TrainerInnen eine hohe Bereitschaft nicht nur körperlicher, sondern insgesamt interaktiver und auch spielerischer zu arbeiten. Eine kreative Lernumgebung ist zudem verbunden mit einer gewissen Portion Humor, viel Authentizität und das Wissen um gehirngerechtes Lernen. Und am Ende heißt dies auch: Weniger ist oft mehr.  Weniger Inhalte, weniger Modelle, weniger Technik – und dafür mehr Mensch, mehr Erfahrungsaustausch und den Mut Kontrolle über den Lernprozess an die Teilnehmenden abzugeben.

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Für wen sind agile Trainingsmethoden geeignet?

Generell für jede Trainerin und für jeden Trainer, der sich von den oben genannten Punkten angezogen fühlt. Trainer mit Vorerfahrungen in Angewandter Improvisation, Design Thinking, Scrum oder in der Arbeit mit Großgruppen tun sich sichtlich leichter. Auch tun sich Trainer leichter, die bereits Erfahrung in der Körperarbeit und im Einsatz von interaktiven Spielen, sowie in der Anleitung gruppendynamischer Prozesse haben. Systemisch und lösungsorientiert arbeitende Trainer fassen schneller Fuß in agilen Methoden, wie auch Trainer, die sich mit Themen wie Flow oder Neuroleadership befasst haben.

Rein traditionell ausgebildete Trainer betreten hingegen eine neue, wenn auch bereichernde, fantastische und lebendige Welt des Lernens. Diese agile Welt, inder alle Traditionen zum Teil vollkommen auf den Kopf gestellt werden, will erst einmal erobert werden. Und viele Trainerinnen und Trainer, die zu uns in die Weiterbildung kommen, haben sich schon lange, nach genau dieser neuen Lebendigkeit und Haltung gesehnt.